Michael Georg Wirth
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19.06.2020

Wir brauchen neue Wege des Denkens

Gesellschaft Der Rassismus in Deutschland hat tiefe historische Wurzeln. Es wird schwer, ihn zu überwinden
Mahret Kupka | der Freitag  Ausgabe 25/2020 7

   

Da es die ARD bis dahin versäumt hatte, einen Brennpunkt zum Thema Rassismus auszustrahlen, übernahm das Carolin Kebekus in ihrer Comedy-Show. Eigentlich geht es dort lustig zu, diesmal ist es ernst. Moderiert von Shary Reeves, erzählen Schwarze prominente Deutsche von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus. 8 Minuten und 46 Sekunden, so lange, wie in Minneapolis ein Polizist auf dem Hals George Floyds kniete, infolgedessen er starb. Was darauf in den USA und weltweit passierte, ist bekannt. Reeves spricht gezielt an ein weißes Publikum. „War ihnen das zu lang?“, fragt sie am Ende. Weiße Personen, erklärt sie, können den Beitrag abschalten, wenn es ihnen zu viel wird. Für Schwarze Personen wie sie lässt sich nichts abstellen. Rassismus ist immer da.

Ein zentrales Missverständnis hierzulande besteht darin, dass Rassismus etwas sei, von dem ein Teil der Gesellschaft betroffen ist, während er mit dem Rest nichts zu tun hat. Der allgemeinen Denke nach werden ein paar arme Opfer von ein paar bösen Tätern alltäglich rassistisch diskriminiert. Der große, brutale, schlimme Rassismus wird in den USA verortet. Diese Differenzierung hat System und der britische Soziologe Gary Younge vermutet den Ursprung dafür in der europäischen Linken, der er eine gewisse Form der Instrumentalisierung vorwirft. Durch die diskursive Auslagerung des Rassismus in die USA erscheint Europa gleichsam friedfertig und inklusiv. Die Solidarität mit den Opfern auf der anderen Seite des Atlantiks spricht weiße Europäer*innen von jedem Tatverdacht frei. Die tatsächliche Verantwortung, die aus der kolonialen Vergangenheit und der rassistischen Gegenwart Europas erwächst, tritt in den Hintergrund. Eine grundlegende Auseinandersetzung wird unmöglich.

Der Rassismus, dem Menschen in Deutschland in ihrem Alltag begegnen, markiert nur die giftigen Pilzköpfe an der Oberfläche einer gewaltigen, komplexen, zugrunde liegenden Struktur. Das allgemeine Wissen über Geschichte und Funktionsweise ist erschreckend gering. Zeugnis dafür ist eine merkwürdige Debatte, die in 60er-Jahre-Diskursen erstarrt zu sein scheint. Sie ist bestimmt durch veraltetes Vokabular, Beharren auf rassistischen Begrifflichkeiten, Rat- und Hilflosigkeit, weil Zusammenhänge weder gesehen noch eingeordnet werden können. In Deutschland hält sich der Glaube wacker, dass mit der Befreiung vom Faschismus auch eine Befreiung vom Rassismus einherging. Seit Beginn der Schwarzen deutschen Anti-Rassismus-Bewegung in den 80er Jahren hat sich nur sehr wenig getan. Vorhandenes Expert*innenwissen bricht nach wie vor zu leicht an den gewaltigen Wellenbrechern weißer deutscher Ignoranz. Es ist notwendig, Rassismus als strukturell und weniger als Einzelphänomene zu begreifen. Und dazu ist es notwendig, die richtigen Fragen zu stellen.

Eine dieser Fragen könnte sein, wo der Rassismus in Deutschland seinen Ursprung hat. Rassismus markiert die Schattenseite der Aufklärung. Während Kant und Co. die ideologischen Grundsteine für eine Modernisierung Europas legten, besiegelten sie zugleich das Schicksal Afrikas. Die Bewohner, fortan als minderwertigere Rasse gegenüber den Weißen markiert, wurden zur uneingeschränkten Verfügung freigegeben. Wer sich nicht wehren konnte, wurde versklavt, ausgebeutet oder ausgerottet. Nachdem es unter den europäischen Großmächten zu Unstimmigkeiten gekommen war, wurde der afrikanische Kontinent 1884/85 in Berlin unter der Führung Bismarcks und allein unter Berücksichtigung europäischer Interessen aufgeteilt. Es entstanden Ländergrenzen ohne Bezugnahme auf gewachsene kulturelle Gegebenheiten vor Ort. Bis heute hat der größte Teil dieser Grenzen Bestand, und bis heute führt das zu Konflikten innerhalb der Regierungen der Länder, die nicht selten sogenannte Fluchtursachen schaffen. Natürlich gibt es noch sehr viel mehr Gründe für Afrikaner*innen, ihre Heimat in Richtung Globalen Norden zu verlassen, doch sind die allermeisten davon nicht unabhängig von Europa zu sehen, das nach der formalen Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten bis heute engste wirtschaftliche Ausbeutungsverhältnisse pflegt, die das Leben auf dem Kontinent massiv beeinflussen.
Zum Beispiel Robert Koch

Eine weitere Frage, die kaum gestellt wird, ist die, welchen Einfluss der im Kontext des Kolonialismus entstandene Rassismus noch heute auf unser Denken hat. Über den Atlantischen Ozean spannte sich ein Dreieck, das die zentrale Handelsroute markierte, an der auch deutsche Reedereien und Handelsgesellschaften beteiligt waren. Sie brachten Dinge an die westafrikanische Küste, die leeren Boote beluden sie mit versklavten Menschen, die sie in die USA und in die Karibik schifften, von wo sie Kolonialwaren zurück nach Europa brachten. Mit Dingen und Körpern zirkulierte auch Gedankengut und manifestierte sich. Wer die Bilder von den gestapelten Menschenkörpern in Schiffsbäuchen kennt, begreift vielleicht, dass gute Christen nur deswegen in der Lage waren zu tun, was sie taten, weil sie annahmen, dass diese Menschen irgendwie anders, weniger wert, naturnäher, unbeherrschter, schmerzunempfindlicher waren als sie selbst. Es gibt ausreichend Beweise dafür, dass dieses Denken bis heute unterbewusst in uns wirkt. Es ist dasselbe Denken, das zu wenige aufschreien lässt, wenn ein Institut des Bundesministeriums für Gesundheit nach Robert Koch benannt ist, der medizinischen Ruhm durch Experimente an afrikanischen Körpern im damaligen Deutsch-Ostafrika erlangte. Experimente, die zu der Zeit an weißen deutschen Körpern verboten waren. Es ist dasselbe Denken, das Straßennamen und Denkmäler verteidigt, die Kolonialverbrecher ehren. Es ist dasselbe Denken, das ein Humboldt Forum errichtet, um darin die Deutungshoheit über geraubte Kulturgüter zu bewahren. Dasselbe Denken, das nicht weiße Körper kriminalisiert, ihnen keine Wohnung vermietet oder die Handtasche im Fahrstuhl fester halten lässt, wenn eine Schwarze Person zusteigt. Es ist dasselbe Denken, das nun „All Lives Matter“ fordert. Das ist richtig und wichtig, kommt allerdings 400 Jahre zu spät. Denn das Denken der Ungleichheit hat sich längst naturalisiert, d. h. ist in unseren Denkwindungen eingelagert.

Eine Frage könnte auch sein, was wir als Gemeinschaft tun können? Die afroamerikanische Aktivistin Angela Davis sagt seit Jahrzehnten, dass es nicht ausreicht, in einer rassistisch geprägten Gesellschaft nur gegen Rassismus zu sein. Man muss aktiv dagegen anarbeiten. Es muss darum gehen, neue Wege des Denkens zu etablieren, um unsere Gesellschaften zu transformieren. In Deutschland – so scheint es oft – haben wir damit nicht einmal begonnen. Der Tod George Floyds brachte ein Fass zum Überlaufen. Es bildete sich ein Fluss, der sich auch über Europa ergießt und Spuren einer leidvollen, unterdrückerischen Vergangenheit aus den Zentren der Städte fortschwemmt, um Raum zu schaffen für eine gemeinsame, inklusive Zukunft. Es geht nicht um Vergeltung, es geht um Gerechtigkeit, Respekt, Empathie und Würde, deren Unantastbarkeit im deutschen Grundgesetz verankert ist, über die absurderweise jeden Tag aufs Neue verhandelt wird. Vielleicht ist der erste Schritt, einfach zuzuhören und mit dem Verhandeln aufzuhören.

Mahret Ifeoma Kupka ist Kuratorin für Mode, Körper wie Performatives – mehr über ihre Arbeit lesen Sie hier –, und freie Autorin, Netzaktivistin sowie Beiratsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland

Michael Georg Wirth - 09:50 | 1 Kommentar






         


     Macht in Zeiten von Corona         

Gastbeitrag           Das Virus hat Gesellschaft und Politik ergriffen. Was macht das mit der Demokratie?         
Dominik Meier, Christian Blum    der Freitag, 18.06.2020

Es ist erstaunlich, welche Macht einem winzigen Biomolekül namens SARS-CoV-2 zugeschrieben wird. Das Coronavirus, heißt es allenthalben aus Politik und Wissenschaft, habe in Rekordzeit Deutschland und seine Volkswirtschaft zum Stillstand gebracht, Konzerthallen, Kinosäle und Kirchen leergefegt und die Ära des „Social Distancing“ eingeläutet. Diese Sprechweise, so eingängig sie sein mag, ist bestenfalls metaphorisch. Im Grunde ist sie schlicht falsch. Denn die Macht liegt und lag nie beim Virus, sondern bei der Politik. Ihr ist binnen weniger Tage eine enorme Fülle von Befugnissen in den Schoß gefallen, und viele politische Akteure haben sie bereitwillig für eine beispiellose Intervention in alle Lebensbereiche genutzt. Ihr Vorbehalt gegen eine zu schnelle „neue“ Normalisierung ist mit Händen zu greifen. Die abschließende Bewertung der politischen Reaktion auf die COVID-19-Pandemie obliegt den Geschichtsbüchern. Sie erfordert zeitliche und biographische Distanz. Doch bereits jetzt drängt sich die Frage nach dem Warum auf: Warum haben Politik und Gesellschaft auf das Virus mit einer seit der Nachkriegszeit nie dagewesenen Machtkonzentration und Zurückdrängung von Wirtschaft, Religion und Kultur reagiert? Warum hat sich dieser Prozess mit einem derartigen Anschein von Alternativlosigkeit vollzogen? Diese Entwicklungen und die zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen, ist die erste Hürde, die wir nehmen müssen, um eine rationale Distanz zum Phänomen Corona zu gewinnen.

Den analytischen Startpunkt bilden zwei Beobachtungen. Erstens: Deutschland folgt mit seinem Kurs einem global einheitlichen Schema. Fast alle Nationen, mit bedingter Ausnahme der USA und Schwedens, implementierten trotz größter kultureller, institutioneller Differenzen die gleichen Maßnahmen: Grenzschließungen, sozialer und wirtschaftlicher Shutdown, Maskenpflicht etc. Zweitens: Das Gros der deutschen Intellektuellen hat sich auf Parteinahmen in der Debatte für und wider die staatlichen Maßnahmen und Mutmaßungen über die Zeit danach beschränkt. Das Ausbleiben einer analytischen Durchdringung des Phänomens ist auch der Schwierigkeit geschuldet, es in etablierten Theoriestrukturen zu fassen – und in einem Zurückschrecken vor seiner wissenschaftlich-epidemiologischen Komplexität. Um die politischen Geschehnisse zu verstehen, bleibt uns letztlich nichts anderes übrig, als die universellen Logiken der Macht unter Herausforderungen der Krisenzeit zu analysieren – und auf die moderne liberale Demokratie anwenden. Für diesen Ansatz ist eine praxeologische Perspektive unverzichtbar, die menschliches Handeln im Ausgang von der Formation der dominanten Praktiken, Diskursen und Institutionen des Gemeinwesens erschließt.

Macht ist ein einzigartiges Phänomen. Anders als physikalische Objekte folgt es nicht dem Grundsatz von Entropie und Diffusion. Macht strebt nach Konzentration. Sie zielt auf Vergrößerung und Konsolidierung in einem singulären Punkt. Und da das Ringen um Macht ein Nullsummenspiel ist, impliziert dies stets einen Machtverlust an anderer Stelle. Dieses Ringen vollzieht sich seit jeher innerhalb der, aber vor allem zwischen den großen Gesellschaftsfeldern: Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft. Auseinandersetzungen nehmen die Form wechselseitiger Allianzbildungen und fluktuierender, hochdynamischer Kräfteverhältnisse an; die so entstehenden Machtlinien sind nie fix, Dominanz ist stets vorläufig, und jedes Übergewicht birgt ein Risiko der Überforderung. All diese Elemente erleben wir in der Corona-Krise in zugespitzter Form: Die Machtkonzentration im Feld des Politischen, die einseitige, regulatorisch-technologisch fundierte Verschiebung des Einflusses, die dramatische Kompetenzüberforderung beim Versuch, Steuerungsfunktionen von Wirtschaft, Kultur und Religion zu übernehmen und eine kohärente, faire und effiziente Problemlösung zu betreiben. Und schließlich wieder der partielle Rückzug aus neuen Einflusssphären unter dem Eindruck massiven Widerstands; wie etwa angesichts der bundesweit aufflackernden Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen.

Existenzielle Ängste werden mobilisiert

Das Ringen um Macht folgt – auch in Zeiten von Corona – zwei einfachen Regeln. Erstens: Macht muss diskursiv-narrativ begründet und durch Praktiken umgesetzt werden, um langfristig konsolidiert und ausgeweitet zu werden; ohne eine legitimatorische Erzählung mit emotionaler und rationaler Resonanz, die von der Bevölkerung durch Habitus internalisiert wird, verfällt sie und muss sich auf Gewalt stützen. Ihr zentrales Legitimationsprinzip ist folglich das Gemeinwohl. Zweitens: Macht kann durch Konventionen und Organisationen eingehegt werden. Dies ist der Grund, weshalb Alexis de Tocqueville die Gewaltenteilung und John Locke unveräußerliche Naturrechte postuliert haben. Die diskursiven Praktiken der Macht und die Einhegungen der Macht bilden ein Strukturverhältnis der wechselseitigen Bestimmung; es handelt sich mithin um Reflexionsbegriffe der Legitimität. Erfolgreiche diskursive Praktiken der Macht sind somit stets solche, die derartige vermeintlich stabile Einhegungen überwinden, unterlaufen, aufweichen etc.

Die gesellschaftlich-politischen Aktivitätsmuster im Kontext des Coronavirus bilden im Kern eine dieser selten erkennbaren diskursiven Praktik der Macht. Und zwar eine besonders effektive, insofern sie jene Erfolgskriterien erfüllt, die der Doyen der Machtforschung Heinrich Popitz definiert hat: Sie mobilisiert existenzielle Ängste (vor dem eigenen Tod und dem engster Verwandter und Freunde) und Hoffnungen (auf Schutz und Sicherheit) und schafft so Chancen für die Autoritätsbildung. Allerdings ist die Reaktion auf das Coronavirus nicht die einzig erfolgreiche diskursive Machtpraktik der letzten Jahre, ganz im Gegenteil. Sie steht in einer Reihe mit dem 2001 begonnenen und bis heute schwärenden „Krieg gegen den Terror“ und dem mit gleichem Furor ausgefochtenen „Kampf gegen den Klimawandel“. Was diese drei in ihrer Dramatik aufsteigenden Episoden eint, ist die legitimatorische Begründung machtstrategischer Handlungskompetenzen in Regierungsstrukturen unter Rekurs auf ein vermeintlich konkretes, aber bei näherer Hinsicht immer diffuser werdendes Übel: die islamistische Bedrohung des Westens – der auf globale Emissionen zurückgehende Untergang unseres Ökosystems – und massenhaftes Sterben durch ein unsichtbares, nur auf der Grundlage abstrakter Axiome quantifizierbares und lokalisierbares Virus.

Allerdings ist die diskursive Machtpraktik des Virus nicht nur eine evolutionäre Fortentwicklung ihrer Vorläufer, sondern – in Hinblick auf die schiere Machtkonzentration – auch viel erfolgreicher; und dies obwohl die Moralitätsrate der Krankheit COVID-19 im Vergleich zu Epidemien wie der Pest, Ebola oder Cholera verschwindend gering ist. Die Gründe sind evident. Anders als im Falle des Klimawandels handelt es sich bei der Krankheit um kein fernes Unheil, das über unsere Nachfahren hereinbrechen könnte, sondern um ein nahes Übel, das uns jederzeit treffen kann. Die hochbeschleunigte apokalyptische Motivik der Corona-Pandemie ist nichts weniger als eine Inversion der religiösen Nahheilserwartung. Und anders als Falle der Terrorismus ist das Virus potenziell ubiquitär und vollkommen entgrenzt; jeder Mensch ist verdächtig, kein Raum ist sicher, selbst der eigene Körper kann zum Verräter werden.

Die Krise zieht uns in ihren Bann

Nicht zuletzt wirkte die Machtausübung im Kampf gegen Corona für unzählige Menschen auch entlastend: Grenzschließungen, verschiedenste Verhaltensregeln und Sanktionen schufen auch eine lang ersehnte Komplexitätsreduktion der durch Globalisierung und Digitalisierung zusehends unüberschaubar gewordenen Welt. Diese boten zudem nicht nur die Möglichkeit, Abweichler öffentlich zu beschämen oder heimlich zu denunzieren, sondern auch die eigene Konformität wirksam unter Beweis zu stellen: durch Abstandswahrung, Nies- und Hustetikette – und natürlich das ordnungsgemäße Tragen einer Maske.

Die Maske ist zum globalen Corona-Symbol schlechthin geworden: Wo die Pandemie zunächst nur Metropolen entvölkerte und Einkaufsstraßen verwaiste, hat sie inzwischen Milliarden von Menschen in ihren Bann gezogen. Freilich ist die Maske kein explizites Symbol der Kennzeichnung oder Ausgrenzung; dies wäre bei einer Allgemeinverpflichtung denkbar sinnlos. Sie ist ein implizites, aber machtvolles Symbol für den gegenwärtigen Sieg der medizinisch-epidemiologischen Logik über alle Bereiche sozialer Existenz – und für den innerwissenschaftlichen Kampf um Einfluss. War das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen bis März 2020 infektionsmedizinisch bestenfalls umstritten, wenn nicht als gesellschaftspolitisches Placebo eingestuft, ist die wissenschaftliche weltweite Mehrheitsmeinung seitdem beeindruckend schnell auf den Maskenkurs umgeschwenkt. Jeremy Bentham und Zygmund Baumann jedenfalls hätten an dem dystopischen Maskenball ihre sardonische Freude gehabt. Denn solche raren Disziplinierungsinstrumente kennt man sonst nur aus des panoptischen Zuchthäusern des neuzeitlichen Englands, wo Häftlinge ausschließlich maskiert Ausgang erhielten, um der Fraternisierung vorzubeugen. Das Tragen von Masken, aber auch das medizinische Testen von Personen oder das Tracking von Infektionsherden über mobile Apps sind Durchsetzungsinstrumente der Kontrolle oder Erfassung von Einzelpersonen. Selten werden solche versteckten Machtpraktiken innerhalb eines liberal-demokratischen System so gut sichtbar. Dann jedoch lassen sich diese auch beispielhaft in ihrer ambivalenten, dialektischen und immer auch pluralen Begründungsstruktur beschreiben. Gerade das permanente Ringen um die demokratisch notwendige Mehrheits- und Konsensfindung zwischen den Verteidigern des öffentlich „Schutz- und Sicherheitsdenkens“ und den Verfechtern kritischer „Biomacht“-Diskurse zeigt die notwendige Ergebnis- und Alternativoffenheit der liberalen Politik.


Die diskursive Praktik des Virus konkretisiert sich in einer technokratischen Machtformation von Politik und Wissenschaft im gesundheitspolitischen Schnittmengenfeld; freilich nicht im Sinne einer gezielten Verschwörung, wie inzwischen zahlreiche Verwirrte glauben. Denn erstens ist das Netz aus Praktiken, Diskursen, Habitus und Institutionen dafür viel zu komplex, die Zahl der beteiligten Personen zu hoch und die Anzahl relevanter Variablen zu unüberschaubar. Und zweitens gab es zu keinem Zeitpunkt eine politische „Corona-Strategie“. Die deutschen Entscheidungsträger auf Bundes- und Ländereben fahren von Beginn an auf Sicht; ohne eine von der Alltäglichkeit des Politischen losgelöste Planungsperspektive wurde und wird allein auf wöchentliche Hochrechnungen und Schlagzeilen reagiert.

Vielmehr treibt das alltägliche Tun qua eigengesetzliches Phänomen die Akteure halb bewusst, halb unbewusst an. Und dieses alltägliche Tun ist zugleich selbst kontinuierlicher Gegenstand von Auseinandersetzung und Wettstreit. Entscheidungsträger bemächtigen sich im gesundheitspolitischen Diskurs gerne der wissenschaftlichen Sprache, gerade jetzt in der Corona-Pandemie – konkret: ihrem Anspruch auf Wahrheit und Präzision jenseits von Kompromiss und Konsens und ihrer Binarität, die alle Propositionen in wahr und falsch unterteilt –, um Dissense zu marginalisieren und konkurrierende Ansprüche aus Wirtschaft, Kultur, Religion etc. zurückzuweisen. Die Legitimationsmechanismen folgen damit einer zusehends prozeduralistischen Logik, welche nur mehr einen Korrektheitsstandard kennt: Haben ein Experte oder ein Expertengremium die Strategie für richtig befunden oder nicht? Unabhängig davon bestehen kaum substanzielle Standards der Kritikfähigkeit. Wissenschaftler hingegen adaptieren die Kommunikationsmuster und -frequenzen des Politischen – und vor allem den Anspruch, Empfehlungen für gesamtgesellschaftliche Herausforderungen abzugeben. Ihre Verlautbarungen gewinnen so den Charakter allgemeinverbindlicher Gebote.

Ein unendliches Spiel

Diese technokratische Machtformation hat drei Konsequenzen: Erstens erleben wir möglicherweise den Anbruch einer neuen Wissenschaftsreligion mit eigenen Liturgien, wie den quasi-rituellen Bewegungsschemata der Abstandsnahme, der kontinuierlichen Desinfektion oder des Händewaschens, eigener Taxonomie („Herdenimmunität“, „Exzessmortalität“, „Flatten the Curve“ etc.) sowie einem Klerus humanbiologischer Experten. Die derzeit überlegene Sinnstiftungsfunktion dieses Kultus gegenüber den etablierten Weltreligionen zeigt sich nicht zuletzt am Verstummen der Kirchenführer in den Corona-Diskursen und der verschüchterten Hinnahme aller Einschränkungen von Gottesdiensten, Prozessionen und anderen religiös-kulturellen Praktiken.

Zweitens schlägt die Stunde eines strikt hierarchischen Gemeinwohlkonzepts, an dessen Spitze der Gesundheitsschutz als kategorisch vorrangiges Gemeingut gegenüber Gütern wie Prosperität, Mobilität, Kultur etc. steht. Diese Doktrin ist dem pluralistischen Liberalismus und seinen Vordenkern wie William D. Ross und Isaiah Berlin zutiefst fremd. An die Stelle einer Vielzahl inkommensurabler Werte rückt in der diskursiven Praktik der Corona-Pandemie der ethische Rigorismus des hippokratischen Eids.

Angesichts dieser Entwicklung ist die dritte Konsequenz beinahe zwingend: das Aufkeimen eines neuen Antagonismus zwischen Demokratie, im Sinne eines plebiszitären, über Zustimmungswerte legitimierten Regierungshandelns, und liberalem Rechtsstaat. Die in der Moderne fortschreitende Polarisierungstendenz von Dramaturgie und Verharmlosung, die die Bevölkerung dem bloßen Anschein nach in zwei Lager spaltet – jene, die in berechtigter, nackter Angst um ihre Existenz leben, und jene, die durch Verschwörungstheorien angestachelt alle Vernunft in den Wind schlagen – ermöglicht längerfristige Grundrechtseinschränkungen. So verschiebt sich die Machtbalance zwischen demokratischem und rechtstaatlichem Paradigma. Der Konflikt ist der Tatsache geschuldet, dass Demokratie und Liberalismus in den modernen Verfassungen zwar versöhnt, aber nicht integriert sind. Weil die Volksherrschaft und das System individueller Abwehrrechte keiner gemeinsamen systematisch-ideengeschichtlichen Wurzel entspringen, liegt dort auch das Potenzial für einen explosiven Machtkampf. Eine diskursive Machtpraktik wie des Virus kann dieses Potenzial entfesseln.

Trotzdem ist noch offen, wie lange die diskursive Praktik des Virus unser Gemeinwesen in Bann halten wird. Immer mehr Risse und Inkonsistenzen im legitimatorischen Narrativ werden deutlich: kontinuierliche Korrekturen der Reproduktionszahl „R“, die das Ansteckungsverhalten widerspiegeln soll; leere Intensivstationen trotz verkündeter medizinischer Notlage; Neustart der Bundesliga und Öffnung der Biergärten bei gleichzeitiger Fortdauer der Kita- und Schulschließung etc. Die Überforderung der an Goethes Zauberlehrling gemahnenden Politik, sie provoziert immer mehr Widerstand – und die Bildung von Gegenmacht. Schon zeichnen sich partielle Rückzugsbewegungen ab. Die Deutungshoheit der technokratischen Formation über das Gemeinwohl wird zunehmend angezweifelt. Gut möglich also, dass die diskursive Machtpraktik der Corona-Pandemie ihre Hegemonie eher früher als später wieder verliert. Doch selbst dann hätte SARS-CoV-2 einen Präzedenzfall für eine einmalige und rasante Machtkonzentration geschaffen. Und ein unmittelbarer Ersatz ist bereits in Sicht: die diskursive Praktik der Wirtschaftskrise, die infolge der Corona-Maßnahmen über die Welt hereinbricht. So setzt sich das unendliche Spiel fort.

Dominik Meier ist Vorsitzender der de’ge’pol – Deutsche Gesellschaft für Politikberatung und Inhaber der Strategieberatung Miller & Meier Consulting (MMC)

Dr. Christian Blum ist Consultant bei MMC. Beide haben 2018 gemeinsam das Buch „Logiken der Macht: Politik und wie man sie beherrscht“ veröffentlicht







 
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