Michael Georg Wirth
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„Falsche Propheten“ 


Interview           Wieso finden Leute autoritäre Bewegungen attraktiv? Irrationales Verhalten lässt sich rational erklären, erläutert Katrin Henkelmann         

Leander F. Badura                              der Freitag Ausgabe 37/2020

Nur wer Phänomene wie Antisemitismus oder Rassismus richtig versteht, kann sie auch gezielt bekämpfen, sagt Katrin Henkelmann, Mitherausgeberin des Bandes Konformistische Rebellen, der in mehreren Aufsätzen das Konzept des „autoritären Charakters“ auf seine Aktualität hin abklopfen will. Prominent wurde der Begriff durch Studien, die in den 1940ern in den USA durchgeführt wurden. Beteiligt waren dabei auch exilierte Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Nicht nur das Denken Adornos wurde durch die erschreckenden Erkenntnisse über das Faschismuspotenzial einer nominell demokratischen Bevölkerung nachhaltig geprägt. Henkelmann erklärt, warum die 70 Jahre alten Studienergebnisse auch heute noch relevant sind.


der Freitag: Frau Henkelmann, der Titel klingt etwas widersprüchlich. Was soll das sein, ein „konformistischer Rebell“?

Katrin Henkelmann: Der „konformistische Rebell“ ist eine Erscheinungsform des autoritären Charakters. Damit ist ein Personentyp gemeint, der unzufrieden ist mit der gesellschaftlichen Situation, in der er lebt, und deswegen rebelliert. Konformistisch ist die Rebellion deshalb, weil sie sich nicht gegen die eigentlichen Ursachen der Unzufriedenheit richtet, sondern beispielsweise gegen „die da oben“, Ausländer oder Bill Gates. Gleichzeitig geht es nicht darum, Unterdrückung oder irrationale Herrschaft an sich abzuschaffen, sondern darum, dass die falschen gegen die vermeintlich richtigen Eliten ausgetauscht werden sollen. Mit den Autoritäten der eigenen Gruppe und auch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die ja tatsächlich Unfreiheit und Ungleichheit produzieren, geht der konformistische Rebell nämlich weiterhin konform.   

     

Der Begriff „autoritärer Charakter“ geht auf eine 70 Jahre alte Studie zurück. Wie kommt man darauf, sich heute noch damit zu befassen?

Zunächst ist die damalige Fragestellung ja immer noch relevant: Wie kommt antidemokratisches und irrationales Denken zustande, gerade in einer scheinbar aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft? Antisemitismus und Rassismus sind auch heute noch virulente Ideologien, die zwar von verschiedenen Seiten thematisiert und bekämpft, aber nur selten auf ihre affektive Basis hin untersucht werden. Um sie aber gezielt bekämpfen zu können, muss man zunächst einmal verstehen, weshalb sie überhaupt attraktiv sind. Mit dem Konzept des autoritären Charakters, das schon 1936 von Erich Fromm theoretisch ausgearbeitet wurde, haben wir uns deshalb befasst, weil es nicht nur die psychischen Strukturen untersucht, die den Einzelnen anfällig für autoritäre Ideen machen, sondern auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen der Entstehung solcher Strukturen analysiert.

Und wie genau wurde das untersucht?

Die Studien über die autoritäre Persönlichkeit, die nur einen von fünf Teilen der sogenannten „Studies in Prejudice“ darstellten, waren eine Auftragsarbeit des American Jewish Committee und sind aus einem konkreten politischen Interesse heraus entstanden: Die Forscherinnen und Forscher sollten angesichts des europäischen und vor allem deutschen Faschismus und Antisemitismus herausfinden, ob so etwas auch in den USA möglich wäre. Wie groß also war das antisemitische und faschistische Potenzial in den demokratischen USA? Die theoretische Grundlage wurde im Vorfeld schon mit den „Studien über Autorität und Familie“ gelegt und sollte dann in den sehr umfangreichen Erhebungen der „Studien zum autoritären Charakter“, vor allem mit Blick auf den Antisemitismus, empirisch überprüft werden. Dazu arbeiteten die ForscherInnen sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Methoden, also mit Fragebögen, aber auch mit Einzelinterviews. Die Ergebnisse wurden dann in Variablen zusammengefasst, wie zum Beispiel „Autoritäre Aggression“, „

Heraus kam, dass auch in einer demokratischen Gesellschaft wie der US-amerikanischen autoritäre und antisemitische Einstellungen weit verbreitet sein können.

Ja, das stimmt. Zudem zeigte sich, dass antisemitische Einstellungen oft mit einer tiefer liegenden autoritären Persönlichkeitsstruktur zusammenhängen. Und dass sich diese Struktur durch verschiedene Bevölkerungsschichten und -gruppen sowie politische Lager hindurchzieht – sie also nicht nur unter „Rechten“, sondern ebenfalls unter den sogenannten Progressiven und mitten in der Gesellschaft zu finden ist. Denn es ging ja nicht um die Untersuchung offen agierender Faschisten und Antisemiten, sondern um die latente, aber potenziell vorhandene Empfänglichkeit für antidemokratische und antisemitische Propaganda.


Welche Rolle spielten die Mitglieder des exilierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung?

Ein entsprechendes Forschungsprogramm wurde schon Anfang der 1930er von Max Horkheimer formuliert, der damals Leiter des Instituts war. Im Vorfeld der „Studien zum autoritären Charakter“ gab es zudem schon zwei Untersuchungen: die „Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung“ von 1929/30 und die „Studien über Autorität und Familie“ von 1936, an denen neben Horkheimer auch Erich Fromm und Herbert Marcuse beteiligt waren. Bei den „Studien zum autoritären Charakter“ war dann Theodor W. Adorno vor allem für die Interviewauswertung und die soziologische Interpretation der Ergebnisse zuständig. Außerdem gab es noch die Untersuchung „Falsche Propheten“ von Leo Löwenthal und Norbert Guterman. Tatsächlich war Löwenthals Rolle innerhalb des Instituts bedeutsamer als heute oft angenommen, weshalb wir mit Lars Rensmanns Aufsatz auch einen Text speziell zu seinem theoretischen Beitrag zur Faschismusforschung in den Band aufgenommen haben.             


Als eine Ursache für autoritäre Persönlichkeitsstrukturen wurden die Familienstrukturen in Gesellschaften wie beispielsweise dem Deutschen Kaiserreich ausgemacht. Doch Kindererziehung hat sich seitdem glücklicherweise drastisch verändert. Worin liegt denn nun die Aktualität?

Das stimmt, die Familienstrukturen haben sich stark verändert, gerade auch, was Gewalt in der Kindererziehung angeht. Was jedoch in den Grundzügen gleich geblieben ist, sind die kapitalistische Vergesellschaftung und die damit verbundene Ohnmacht, die zentraler Auslöser für die Flucht in die Autorität oder das Kollektiv ist: Man ist im Kapitalismus auf der einen Seite allein für sich und sein Glück verantwortlich, gleichzeitig hat man aber keine Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen. Das ist eine enorme narzisstische Kränkung: Ich müsste eigentlich mein Leben selbst in der Hand haben, habe es aber nicht. Und tatsächlich wird das Kind immer noch zur Triebunterdrückung angehalten, damit es sich im Kapitalismus behaupten kann.

Das findet nur anders statt?

Ja, diese Triebunterdrückung wird seltener durch Schläge oder autoritäre Gewalt herbeigeführt, häufiger beispielsweise durch emotionalen Druck, durch einen enttäuschten Blick oder einfach durch die Beteuerung, dass es eben notwendig sei, sich anzupassen und Leistung zu bringen, um später einmal klarzukommen, was hinsichtlich der Selbsterhaltung ja auch erst einmal rational ist. Das macht es aber gleichzeitig auch sehr schwer, der Herausbildung autoritätsgebundener Persönlichkeitsstrukturen auf der individuellen Ebene beizukommen.

Sowohl in den ursprünglichen Studien als auch in vielen Aufsätzen in Ihrem Buch wimmelt es mitunter von psychoanalytischen Begriffen. Welchen Beitrag kann dieses heute ansonsten eher marginalisierte Denken in dem Fall leisten?

Mit der Psychoanalyse lässt sich vor allem das verstehen, was zunächst irrational erscheint. Also: Warum schließen sich Menschen autoritären Bewegungen an, die eigentlich gar nicht ihre Interessen vertreten, ja sogar aktiv gegen ihre Interessen handeln? Warum bringt reine Aufklärung über Rassismus, Antisemitismus nichts oder nicht so viel? Welche emotionalen Bedürfnisse werden dadurch befriedigt, was es so schwer macht, mit Argumenten dagegen vorzugehen? Diese Fragen der Psychoanalyse werden in der Theorie dann mit einer Kritik der politisch-ökonomischen Grundlagen verbunden, also in einen gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet.

Der Band versammelt eher akademische Texte, ist aber bereits in einer zweiten Auflage erschienen. Wie erklären Sie sich das?

Es besteht wohl großes Interesse an dem Phänomen „Faschismus“ – oder an dem, was man dafür hält. Existierende Erklärungen für die Anziehungskraft des Populismus scheinen vielen nicht auszureichen. Hinzu kommt die fehlende oder unzureichende Thematisierung des Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft, von Psychologie auf der einen und Ökonomie, Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite, an Universitäten. Darüber hinaus mögen viele denken, dass ein Sammelband einen leichteren Einstieg in das Thema bietet.

Kann man von dem Buch etwas über die aktuelle politische Lage lernen?

Unser Anspruch war es zunächst einmal, die Theorie des autoritären Charakters auf ihren Gehalt hin zu überprüfen und die Diskussion darüber zu erneuern. Dies kann nicht losgelöst von der tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklung geschehen. Und natürlich sollen die Beiträge letztlich auch helfen, aktuelle politische Phänomene besser zu verstehen. Insofern hängen das theoretische Verständnis der Phänomene und die treffende Beurteilung der politischen Lage stets zusammen.


Zur Person

Katrin Henkelmann, geboren 1995, studierte Philosophie und Psychologie in Trier. Der Band Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters (Verbrecher Verlag 2020, 424 S., 24 €) geht auf eine Tagung an der Universität Trier im Herbst 2018 zurück




 
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